Von Minden nach Terrabona

Die 3. Welt hautnah erlebt

Mindener Studenten arbeiteten in einem nicaraguanischen Dorf

Minden. Zum zweiten Mal seit Bestehen der Abteilung Minden der Fachhochschule Bielefeld reiste eine Gruppe von Studentinnen und Studenten in den mittelamerikanischen Staat Nicaragua, um dort im Rahmen der Entwicklungshilfe ingenieurmäßig zu arbeiten. Diesmal ging es um die Schaffung von planerischen Voraussetzungen für den Bau von Trinkwasser-Versorgungssystemen und von Abwasseranlagen im ländlichen Raum mitten im Land. Die Mindener reisten weitgehend auf eigene Kosten. Um so höher ist ihr auch sozial geprägtes Engagement unter einfachsten Lebensbedingungen in diesem Entwicklungsland in diesen sechs Wochen zu bewerten. Ein Teilnehmer berichtet auf dieser Seite von der Arbeit.

Im Sommer dieses Jahres hielt sich eine aus 16 Studentinnen und Studenten bestehende Gruppe der Fachhochschule Bielefeld, Abteilung Minden, in Nicaragua auf. Aufgrund der guten Erfahrungen, die vor zwei Jahren von einer anderen Gruppe der hiesigen Hochschule gemacht wurden, hatten sich Ende 1988 einige Studenten entschlossen, für dieses Jahr erneut eine Reise anzubieten.

Geplant wurde ein Arbeitsaufenthalt, bei dem man die bisherige theoretische Ausbildung zur Anwendung bringen wollte. Aber auch die Entwicklung, die dieses Land seit der Revolution 1979 genommen hat, war Bestandteil der Vorbereitung. Als ,,Einsatzort" wurde Terrabona gewählt, da es über die Studentenschaft gute Kontakte zur Dritte-Welt-Gruppe in Hameln gibt, die in diesem Dorf ein Trinkwasserprojekt betreibt.

Zu Beginn der Vorbereitungszeit hatte man schriftlich Kontakt zum Bürgermeister von Terrabona aufgenommen und ihn gebeten, zu schreiben, welche Arbeiten von den Studentengruppen in Terrabona in Angriff genommen werden könnten. Schwerpunkte sollten demnach die vollständige topographische Aufnahme Terrabonas, Planung einer Regenwasserkanalisation im Dorf sowie für das Hamelner Projekt die Planung von Trinkwasserversorgungen für drei kleine Bergdörfer sein.

Vorarbeit der Hamelner

Am 26. Juli kommt die Gruppe auf dem internationalen Flughafen Augusto A.C. Sandino in der Hauptstadt Managua an. In Empfang genommen wird sie von Karsten Flentje, einem Mitglied der 3.-Welt-Gruppe Hameln, der ein paar Tage zuvor angereist war, um den Aufenthalt der Gruppe im Land zu organisieren. Für den Transport ins ca. 100 km nördlich gelegene Terrabona stehen ein Jeep für das Gepäck und eine Camionetta (Pick up) zur Verfügung.

Für die Nicas ist zu dieser Zeit übrigens Winter, obwohl das Land nördlich vom Äquator liegt. Es ist nämlich Regenzeit, was sich aber nicht auf die Temperaturen auswirkt: es sind gut 30 Grad. Die Fahrt dauert rund zweieinhalb Stunden. Die ersten 80 km geht es über einen Teil der Panamericana, eine Straße, die sich längs durch den amerikanischen Kontinent zieht. Hier bekommt die Gruppe einen ersten Eindruck von der landschaftlichen Schönheit des Landes. Als es dann auf der Schotterpiste weitergeht nach Terrabona, sieht man aber auch die ärmlichen Umstände, in denen die Landbevölkerung, die Campesinos, lebt. Die wenigen Dörfer bestehen nunmehr aus ein paar Hütten, und so ist man froh, daß man beim ersten Anblick von Terrabona feststellt, daß es sich hierbei um ein größeres Dorf handelt.

Zentrum der Region

Nach ihrer Ankunft im Dorf wird die Mindener Gruppe von Bürgermeister Juan Pineda empfangen. Er hält einen kurzen Vortrag über Terrabona und die Umgebung. So kommen zu den ca. 1500 Einwohnern Terrabonas noch rund 13 500 Menschen aus der Region, für die dieser Ort ein Zentrum für Handel, Bildung und Gesundheit ist. Besonders auf den Gebieten Bildung und Gesundheit, die während der Somoza-Diktatur vernachlässigt wurden, machen sich die Reformen der seit der Revolution 1979 regierenden Sandinisten bemerkbar.

Die Kinder der Campesinos können nach Beendigung der Grundschule in ihren Dörfern eine weiterführende Schule in Terrabona besuchen. Hier gibt es auch eine Erwachsenenschule, die derzeit von rund 150 Personen besucht wird. Außerdem bietet Terrabona eine Gesundheitsstation, die von einem nicaraguanischen Arzt geleitet wird. All diese Leistungen sind für die Bevölkerung kostenlos.

Händlern geht's gut

Was die Versorgung mit Waren anbetrifft, so hat es in letzter Zeit eine spürbare Verbesserung gegeben. So kann man im Supermarkt zwar alles kaufen, doch fehlt den meisten Dorfbewohnern ganz einfach das Geld, um die Angebote wahrzunehmen. Erschwerend kommt in diesem Jahr hinzu, daß es nur wenig Regen gab und somit die erste Ernte größtenteils vertrocknete.

Nach den Worten Pinedas belief sich die Arbeitslosenquote im Juli bei den Campesinos auf zeitweise 90 Prozent. Aber auch den Staatsbediensteten geht es nicht besser. Lehrer verdienen rund zwölf Dollar im Monat. Richtiggehend gut geht es andererseits den Händlern und Kaufleuten. Sie können nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten Waren, auch die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, kaufen und verkaufen.

Die ersten Tage in Terrabona verbrachte die Gruppe damit, sich an die vollkommen ungewohnten Verhältnisse anzupassen - auch z.B. an ein ,,Plumpsklo". Auch mußte man sich damit zurechtfinden, daß man als Ausländer eine gewisse ,,Attraktion" ist. Es zeigte sich aber schnell, daß die Nicas sehr kontaktfreudig sind, so daß sich das Einleben für die Gruppe als äußerst einfach erwies.

Trink- und Regenwasser

Um die vorgesehenen Arbeiten durchführen zu können, wurden zwei Gruppen gebildet. Elf Studenten hatten sich für die Arbeiten in Terrabona gemeldet, die andere Gruppe wollte sich um die Trinkwasserversorgung in El Bacacan, El Balsamo und El Arado kümmern.

Zu Beginn der Arbeiten in Terrabona wurde durch das Dorf ein Polygonzug gelegt. Die notwendigen Vermessungspunkte hatte man durch Eisenstäbe markiert. Als Festpunkt wurde die Kirchturmspitze gewählt, da es sich hierbei wohl um das beständigste Bauwerk im Dorf handelt. Bei dieser Arbeit kam auch gleich der Theodolit zum Einsatz, den die Studenten aus Deutschland mitgebracht hatten und der als Geschenk in Terrabona verblieb, um auch weiterhin genaue Vermessungsarbeiten gewährleisten zu können.

Parallel dazu wurde ein Höhennivellement gemacht, bei dem fünf Höhenpunkte fest einbetoniert wurden. Diese können für spätere Nivellierarbeiten als Ausgangspunkte benutzt werden. Eine weitere Aufgabe bestand darin, die genaue Lage der einzelnen Häuser in Terrabona zu ermitteln, was bei dem teilweise desolaten Zustand der Hütten nicht immer einfach war.

,,Stadtplan" für Bürgermeister

All diese Daten wurden für die Erstellung von genauen Karten verwendet. Für den Bürgermeister war der entstandene ,,Stadtplan" z.B. wichtig, um die im Februar 1990 stattfindenden Parlamentswahlen in seinem Dorf zu organisieren.

Auch für die zweite Aufgabe, das Oberflächenwasser nach starken Regenfällen zu kanalisieren und abzuleiten, waren die Daten erforderlich. Gleich am ersten Tag bekamen die Studenten einen ersten Eindruck davon, mit welchen Wassermassen, die innerhalb weniger Minuten entstehen, hier zu rechnen ist. Die Straßen sind dann zur Hälfte überschwemmt, wo mehrere solcher ,,Bäche" zusammenlaufen, steht die Straße 20 bis 30 Zentimeter unter Wasser. Ein solches Regenereignis dauert in der Regel 30 bis 40 Minuten, und wenn die Sonne danach nicht zum Vorschein kommt, muß man manchmal tagelang im ganzen Dorf durch knöcheltiefen Matsch waten.

Ein geschlossenes Kanalsystem, wie es in Deutschland die Regel ist, konnte hier von vornherein ausgeschlossen werden, da von den unbefestigten Straßen zuviel Dreck ab-geschwemmt wird, das letztendlich zum Verstopfen der Rohre führen würde. Daher wurden Pläne angefertigt, bei denen das Regenwasser in offenen (Beton-) Rinnen gesammelt und in einen Bach am Rande des Dorfes geleitet wird. Hierzu wurde ein Plan mit den entsprechenden Höhenverhältnissen sowie Entwürfe für die Bemessung der einzelnen Gerinneabschnitte angefertigt.

Diese Unterlagen wurden dem Serramo übergeben, einer staatlichen Einrichtung, die für die technische Planung und Finanzierung solcher Projekte in dieser Region zuständig ist. Dort war man über die geleistete Arbeit sehr erfreut, da man nun das bei der Planung eingesparte Geld für die Bauausführung verwenden kann.

Gefahren aus der Quelle

Zeitweise außerhalb von Terrabona war die zweite Gruppe beschäftigt. Sie hatte sich vorgenommen, in kleinen Bergdörfern die Planung für eine Trinkwasserversorgung zu machen. Da die Dorfbewohner normalerweise ihr Trink- und Brauchwasser direkt aus kleinen Bachläufen beziehen, kommt es oft zu gesundheitlichen Schäden, die sich besonders bei Kindern auswirken. Um hier Abhilfe zu schaffen, finanziert die 3.-Welt-Gruppe Hameln seit einigen Jahren Trinkwasserprojekte in der Umgebung von Terrabona. Für die Mindener Studenten hatten die Hamelner drei Dörfer ausgewählt, die jetzt ,an der Reihe" waren.

Da es in dieser Gegend Nicaraguas sehr hügelig ist, kommt für die Trinkwassergewinnung hauptsächlich Quellwasser in Frage. So war es auch in diesen drei Fällen.

Um die notwendigen Daten zu erhalten, ging die Gruppe für jeweils einen Tag in das entsprechende Dorf. Die Quelle war meist in 1000 Meter Entfernung vom Dorf. Dort wurden die Quelleistung bestimmt und ein Platz für einen Wassertank gesucht, der den täglichen Wasserbedarf des Dorfes abdecken soll. Auch wurden einige Wasseruntersuchungen vorgenommen. Anschließend wurde ein Höhennivellement von der Quelle bis ins Dorf erstellt.

Wunsch nach Wiedersehen

Dort verteilt sich dann die Leitung. Für jeweils drei bis vier Häuser ist eine Wasserstelle vorgesehen. Bei diesen Arbeiten wurden die Studenten immer von einigen Dorfbewohnern begleitet, die mit ihren Macheten einen Weg in dem teilweise unzugänglichen Gebiet freischlugen und somit die kürzestmögliche Verbindung zwischen Quelle und Dorf schufen.

Die Berechnung und Bemessung der Wasserversorgung wurde dann wieder in Terrabona vorgenommen. Für die spätere Ausführung der Arbeiten ist Amando Montoya verantwortlich. Er ist Mitarbeiter der Hamelner Gruppe und leitet in Terrabona die Escuela de Capacitacion Movil de Terrabona (mobile Ausbildungsschule). Den Bau der Wasserversorgung bewerkstelligen Dorfbewohner im übrigen selber. Dadurch soll erreicht werden, daß die notwendigen Instandhaltungsarbeiten später auch von ihnen selbst durchgeführt werden können.

Zum Abschluß ihres Aufenthaltes in Nicaragua hatte die Gruppe noch einige Tage Zeit, das Land kennenzulernen. Nicht zuletzt diese Eindrücke von der Vielfältigkeit dieses in den letzten zehn Jahren stark gebeutelten Landes hat bei den meisten der Teilnehmer den Wunsch nach einer Rückkehr ausgelöst.

Andreas Wähler, der Artikel erschien am 03. November 1989 im Mindener Tageblatt