i:SY

Ein neues Kultmobil auf zwei Rädern

 Wenn Unternehmen von Innovationen sprechen, sind das oft nichtssagende Worthülsen. Nur weil ein schon bekanntes Produkt im Design verändert wird, wird nicht etwas gänzlich Neues geschaffen. Wenn aber ein bekanntes Produkt wie das Fahrrad neu definiert wird, dann ist das eine echte Innovation. Vielleicht sind nur vermeintlich kleine Unternehmen in der Lage, die Zeit und Liebe zu investieren, die notwendig sind, Revolutionäres zu schaffen, während in großen Unternehmen die Konzernbürokratie regiert und Marken lediglich gemolken statt gepflegt werden. Bei dieser Theorie ist es völlig klar, dass die neue Fahrradgeneration aus einem kleinen Ort kommt, geboren in einer Garage von einem, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat. 

Martin Kuhlmeier hat mal Wirtschaftswissenschaften studiert und dann buchstäblich umgesattelt. Er widmete sich aus Passion seinem Fahrrad-Hobby und gründete 1992 sein Fahrrad-Fachgeschäft im Hüllhorster Radhaus. Nicht weit vom Rathaus entfernt. Bald brachte er mit der Eigenmarke „Räderwerk“ eigenes Design und Knowhow mit hochwertigen Trekking- und Reiserädern aus Alu oder Stahl auf den Markt. Das Räderwerk sei kein Laden, wo Mountainbikes oder Kinderräder reihenweise rausgeschoben würden, sagt er. Martin Kuhlmeier konstruiert, designt und vertreibt Fahrräder im Hochpreissegment. Immer wieder kamen Kunden mit den unterschiedlichsten Anforderungen zu ihm. Dabei waren es einfache und alltägliche Dinge, die er umsetzen sollte: Das Rad muss aufs Autodach, durch den Kellereingang, in die Bahn, unter die Treppe, ins Büro, in den Caravan. Es muss im Design modernen Anforderungen entsprechen und absolut City- wie Tourentauglich sein. Mit einem Rahmen für Männer und Frauen und einer geradlinigen Optik für alle Altersklassen. Ein Kompaktrad mit den Fahreigenschaften eines großen Rads und optimalen Verstaumöglichkeiten, am besten, wo man keinen Schraubenschlüssel braucht. Ein Fahrrad für jede Generation, für jeden Anlass, ein Rad, das im Trend ist. Man wundert sich: So ein Fahrrad gab es noch nicht.  

2007 hatte Martin Kuhlmeier sein Rad gedanklich fertig, machte sich dann an erste Zeichnungen mit eigenen Geometrien und Optiken und entwickelte einen Prototyp, der schließlich im letzten Jahr in Serie ging. Ein intelligentes und sympathisches Fahrrad, woraus der ebenso intelligente wie sympathische Markenname hervorging: i:SY. Die Assoziation zu „easy“ ist natürlich vollkommen gewollt. Seitdem reißen die Erfolgsmeldungen nicht mehr ab: Halbe Seite Bericht in der FAZ Technik, die Fachpresse steht Schlange, und noch bevor die Serienproduktion richtig begonnen hatte, hatte Martin Kuhlmeier den Euro Bike Award gewonnen. Das ist der Oskar in der Fahrrad-Branche. Dabei sorgte er für ein weiteres Novum: Erstmals gelang es einem Bewerber, zwei Awards zu gewinnen, einen für das Design, einen für das Konzept. Und das Konzept sah vor: Wendigkeit, niedrige Rahmenhöhe für bequemes „Aufsatteln“, Standlicht, wartungsarme Scheibenbremsen, stabiler Gepäckträger, Ballonreifen, Schnellspanner für variable Sitzhöhenverstellung, angepasste Übersetzung für flottes Fahren. Und so weiter. Mit einem Handgriff lässt sich der Lenker querstellen und die Pedalen klappen ein, und schon kann das Rad verstaut werden. Die Rahmen lässt Martin Kuhlmeier in Europa produzieren, anschließend sendet er ihn zur Pulverei – also zum Lackieren – in der Wunschfarbe des Kunden. Das Rad wird in Hüllhorst montiert und dann in Hüllhorst oder beim gehobenen Fachhandel abgeholt. Für einen Preis ab 1.275 Euro in der Basisversion.

Von Anfang an hatte Martin Kuhlmeier das Rad auch als Variante mit Elektroantrieb geplant. Es war nicht schwer, einen Partner für den Elektroantrieb zu finden. Mit der Firma Biketec aus der Schweiz konnte er den Porsche unter den Fahrrädern gewinnen. Nur drei Stunden im Juni 2008 für die Konzeptpräsentation waren nötig, und die Schweizer waren Feuer und Flamme. Die Entwicklung des i:SY mit Antrieb funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk, so konnte Biketec auf der drei Monate später stattfindenden Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen eine echte Innovation präsentieren: Den Flyer i:SY. Der Verkauf des Flyer i:SY ist mittlerweile angelaufen, und Martin Kuhlmeier verdient durch seine Lizenzvergabe an jedem Fahrrad mit, das die Schweizer an die stetig wachsende Fangemeinde der Pedelecs verkaufen. Pedelecs sind im Kommen und haben längst nicht mehr das Image des Elektrorads, mit dem betagte Damen und Herren den Verkehr behindern. Ein Pedelec ist ein Fahrrad, bei dem während des Tretens auf Wunsch eine Motorunterstützung zugeschaltet wird. Das Elektrorad ist dagegen quasi ein Mofa mit oder ohne Pedale, das nicht mit Sprit, sondern mit Strom gefüttert wird. Führerschein, Zulassung und Helm machen das Elektrorad kompliziert, das alles erspart man sich beim Pedelec. Ist auch nicht nötig, denn der Fahrspaß mit einem Pedelec ist nicht vergleichbar. Man saust ohne Beschränkungen und fast geräuschlos durch die Gegend, kein Helm nervt, kein Berg ist dank Zusatzschub zu schwer. Man tritt in die Pedale, ein Sensor misst die Kraft und steuert die Unterstützung durch den Elektromotor. Je nach Gelände und Eigenleistung hält der Akku enorme Tagesleistungen durch, und ein federleichter Zweitakku kann problemlos mitgeführt werden. Auf 100 Kilometer verbraucht das Pedelec etwa so viel Energie wie drei Minuten warm Duschen. 

Kontakt
Martin Kuhlmeier
Kurze Straße 9 in Hüllhorst
Tel. 05744 5454
info@raederwerk.net
www.raederwerk.net

 

Text: Andreas Jaeger, www.modusmedia.de und www.wittekind-magazin.de