Warum ein Preußen-Museum in Nordrhein-Westfalen?
Rheinland und Westfalen sind bis auf die Gegenwart viel stärker durch ihre preußische Vergangenheit geprägt, als es gemeinhin bekannt ist. Preußen formte beide Gebiete zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu politischen Einheiten, führte eine moderne Verwaltung ein und schuf Gemeinsamkeiten, welche die Bürger die politische Zusammenfassung im Bundesland Nordrhein-Westfalen akzeptieren ließ.
Die preußische Verwaltungsorganisation des 19. Jahrhunderts
ist weitgehend noch vorhanden, die Landschaftsverbände in Nordrhein-Westfalen entsprechen
in Form und Funktion ganz überwiegend noch den alten Selbstverwaltungskörperschaften
der
preußischen Provinzialverbände. Das problematische Gewicht der Montanindustrie in
Rheinland und Westfalen ist genauso preußisches Erbe wie charakteristische Züge der
heutigen Landesentwicklungspolitik, die in ihrer Zusammenarbeit mit den wichtigsten
gesellschaftlichen Gruppen auf die korporativ angelegte liberale Wirtschaftspolitik
Preußens seit dem 19. Jahrhundert zurückgeht. Das Rechtswesen ist maßgeblich bereits in
preußischer Zeit ausgeprägt worden. Schulen und Universitäten zeigen noch heute
deutlich die Konturen der preußischen Bildungsreform Anfang des 19. Jahrhunderts. Die
häufig anzutreffenden preußischen Bauten und Denkmäler in Nordrhein - Westfalen sind
sichtbare Zeugen seiner preußischen Geschichte.
Vom preußischen Westen sind bedeutende Einflüsse auf Verfassung und Verwaltung, Kultur und Rechtsordnung, Wirtschaft und Verkehr Gesamtpreußens ausgegangen, die bei einer einseitigen zentralstaatlichen Sicht dieses Staatswesens nicht erkannt werden. Preußen verfolgte eine Politik, die Elemente zentraler Steuerung mit bedeutenden Zugeständnissen an ein provinziales Eigenleben und Offenheit gegenüber Einflüssen von der Peripherie verband. Auf dieser Grundlage konnte der teilweise schwierige Integrationsprozess Rheinlands und Westfalens in den preußischen Gesamtstaat gelingen. Die Frage nach dem Verlauf dieses Prozesses, seinen fördernden Elementen, seinen Brüchen und Hindernissen, soll im Mittelpunkt der Museumsarbeit stehen.
Streubesitz und politische, kulturelle, wirtschaftliche und soziale Vielfalt der Territorien waren Kennzeichen brandenburgisch-preußischer Geschichte, welche die Dynastie dieses Herrschaftsverbandes von vornherein auf eine breit angelegte Integrationspolitik verwies.
Ihre Klammern waren die prägenden Elemente preußischer Staatlichkeit: Krone, Bürokratie, Militär, Rationalität, Rechtsstaatlichkeit, ein besonderes Dienst- und Leistungsethos, aber auch Regionaltoleranz.
Das Museum wird Rheinland und Westfalen im Beziehungsgeflecht des preußischen Gesamtstaates darstellen, die verschiedenen Gesichter dieses Staatswesens wiedergeben und aufzeigen, inwieweit Gesellschaft und Einzelmensch in ihren verschiedenen Lebensbereichen durch diesen Staat geprägt wurden.
Zeitlich soll der Bogen gespannt werden von den ersten Erwerbungen Brandenburg-Preußens in Rheinland und Westfalen (1606/14) bis zur formellen Auflösung des Staates Preußen durch den Beschluss des Alliierten Kontrollrates 1947, nachdem jener faktisch schon längst zerstört war. Schließlich werden historische Verbindungslinien Preußens zu Nordrhein-Westfalen bis in die Gegenwart aufgezeigt.