|
19.06.2008
Mutter Courage und
ihre Kinder beleben
altes Fort A
Tucholsky-Bühne lädt
am Sonntag zum Tag
der offenen Tür in
die historische
Festungsanlage /
Schauspielpremiere
im August
Minden (mt). Mutter
Courage und ihre
Kinder entdecken das
Mindener Fort A. So
jedenfalls bereitet
es Regisseur Eduard
Schynol von der
Tucholsky-Bühne vor.
Von
Hans-Jürgen Amtage
Mit dem Schauspiel von
Bertolt Brecht wagt
Schynol ein neues
Theaterexperiment an
einem aus der
Wahrnehmung der Mindener
fast verschollenen Ort:
im Fort A an der
Festungsstraße. Am
kommenden Sonntag, 22.
Juni, öffnet die
Tucholsky-Bühne von 14
bis 18 Uhr diesen
ungewöhnlichen Spielort
für die Bevölkerung.
Wichtigstes Bauwerk der Bahnhofsbefestigung
Das Fort A hatte die nördliche Flanke der Bahnhofsbefestigung zu sichern. Mit der Sicherung des Bremer Tores und des Magdeburger Tores - der Eisenbahndurchfahrt aus Richtung Hannover - beauftragt, wird das Fort unter anderem vom Denkmalexperten der Stadt Minden, Dieter Bommel, als wichtigstes Bauwerk der Mindener Bahnhofsbefestigung bezeichnet. Dem Fort A vorgelagert war ein sogenanntes Ravelin, ein Außenwerk in Form eines spitzen Winkels. Zentrum des Festungsgebäudes bildete das heute noch erhaltene hufeisenförmige Reduit, das letztlich als Rückzugsgebäude diente. Das Reduit ist mit einem trockenen Graben umgeben und zeigt im Kellergeschoss Schießscharten zur Gewehrverteidigung und im Obergeschoss Scharten zur Geschützverteidigung. Im Hof dieses Reduits befanden sich einst Latrinen, die Auf- und Abgänge, sowie Auffahrtrampen für die Geschütze. Durch Mauer und Zugbrücke waren sie in der stadtseitigen Kehle abgeschlossen. Abgesichert war das Gebäude mit einem bombensicheren Grassodendach und einer etwa eineinhalb Meter dicken Lehmschüttung gegen feindlichen Beschuss. Dieses Dach wurde Anfang der 1990er-Jahre konstruiert, nachdem das abgängige Holzsatteldach abgetragen worden war. Diese Arbeiten bildeten den Abschluss der Sicherung des Gebäudes, die sich über etwa fünf Jahre hinzog. Wie die gesamte preußische Grenzfestung Minden war das Fort unter militärischen Gesichtspunkten 1866 überflüssig geworden, als Preußen das benachbarte Königreich Hannover besetzte. Der Rückbau der ursprünglich etwa 430 mal 420 Meter umfassenden Anlage mit ihren Außenwerken habe mehrere Jahre in Anspruch genommen, erläuterte Bommel einmal beim Tag des offenen Denkmals. Die militärische Nutzung des Bauwerkes blieb aber vorerst. Nach Aufhebung der Festung diente das Reduit dem Hannoverschen Pionierbataillon 10 als Krankenrevier. Die in dieser Zeit teils in die Schießscharten eingesetzten Fenster wurden später zugemauert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Reduit zivil genutzt. Jahrzehnte lang diente der Bereich des ehemaligen Forts einem Rohproduktenhandel als Lager. "Blech - Schrott - Gummi" prangte noch über viele Jahre an einer Wand des Forts. Der ehemalige Schrottplatz hat das Land Nordrhein-Westfalen in den 1980er-Jahren Millionen gekostet. Umgerechnet rund 2,7 Millionen Euro flossen damals in die Dekontaminierung des Geländes, das 1988 von der Stadt Minden übernommen wurde und seither sein Dasein fristete. Zwar gab es seither die ein oder andere Idee, was mit dem Fort A angestellt werden könne - vom Museumsstandort bis zur Deutschlandzentrale eines Wohnaccessoire-Unternehmens -, doch umgesetzt werden konnte bislang nichts.
Belebung mit "Mutter Courage und ihre Kinder"
Schynol und die Tucholsky-Bühne gehen die Belebung des Forts jetzt auf ihre Art an. Am 7. August ist Premiere für "Mutter Courage und ihre Kinder". Am kommenden Sonntag geben Regisseur, Schauspieler und im Hintergrund Aktive einen ersten Einblick in die Produktion: mit Liedern, Bühnenschneiderei, Schminken und mehr.
Musik, Literatur und Theater in der Festung
Unter der Moderation von Bernd Brüntrup präsentieren unter anderem die Blues Corporation Blues, Burkhard Hedtmann Literarisches, der Regenbogen Kunst, zeigen Willie Weper und Eddi Tonagel ihre alten musikalischen Talente, trifft Klezmer Flamenco und tritt der Jazzchor auf. Führungen durch das Fort A bietet Dieter Bommel um 15 und um 17 Uhr an. Eröffnet wird der Tag der offenen Tür an der Festungsstraße um 14 Uhr von der A-cappella-Gruppe Hörsturz. Der Eintritt ist frei. Eduard Schynol ist unterdessen überzeugt, dass das Fort A ein großes kulturelles Potenzial hat. Aktive der Tucholsky-Bühne haben inzwischen umfangreiche Aufräumarbeiten durchgeführt, richten sanitäre Einrichtungen ein und bauen eine Bühne. Künstler Peter Medzech entwarf eine Stahlplastik speziell für diesen Ort, die in ihrer ganz besonderen Form auch Festungszwecke erfüllt - eine Art Überkletterschutz des Eingangsbereiches. "Wer im Fort A unter künstlerischen Aspekten etwas unternehmen will, der sollte die Chance nutzen", ist Schynol von den Räumlichkeiten begeistert und empfiehlt sie anderen Künstlern. Wer Näheres über Nutzungsmöglichkeiten erfahren will, der kann sich an Eduard Schynol wenden: Telefon (05 71) 7 10 02 83. Als Einführung in die Mutter-Courage-Aufführung stellt das MT ab dem kommenden Samstag die einzelnen Charaktere des Brecht-Stückes als Cartoon-Serie vor. Gezeichnet wurden die Bilder von Klaus Scherwinski, der im Jahr 2006 schon für die Tucholsky Bühne und das MT "Die Nibelungen" in Cartoon-Form interpretierte. |