26.07.2008
 
Festung in Theater verwandelt
 
Tucholsky-Bühne richtet sich im Fort A häuslich ein / Zur Premiere gibt es "Mutter Courage"
 
Minden (mt). Der Innenhof ist verweist, aber tief aus dem Untergeschoss der dicken Festungsmauern des Fort A am Mindener Bahnhof dröhnt ein Bohrer. Eigentlich hatte sich Eduard Schynol von der Tucholsky-Bühne die ruhigen Ferien-Wochen für den Kulissen-Bau reserviert, doch stattdessen sorgt er mit seinem Nachbarn dafür, es dem Publikum angenehm zu machen.
 
Von Ursula Koch
 
 
Vor den Karren der Tucholsky-Bühne lassen sich Rudi Brune und Eduard Schynol jederzeit freiwillig spannen.

(MT-Foto: Ursula Koch)

Nachdem vor allem die Frauen der Amateur-Schauspielertruppe gegen Chemietoiletten votiert haben, werden derzeit im Untergeschoss die Gestelle für die späteren Toiletten-Kabinen geschweißt. Die Truppe richtet sich in der ehemaligen Verteidigungsanlage des Bahnhofs, die ihr von der Stadt zur Nutzung mietfrei überlassen wird, häuslich ein. Die Zeit des Wanderns scheint damit vorerst vorbei. In den vergangenen Jahren hatte das Theater immer neue Spielorte für seine Aufführungen in Minden entdeckt. Für die nächsten Jahre aber heißt es nun: Applaus statt Appell im Fort A.

Den von Wildpflanzen überwucherten Boden im Innenraum des u-förmigen Gebäudes ließen sie von einem Profi mit dem Bagger abtragen. Was dann folgte, war mehr Kleinarbeit, als gedacht, denn unter den Pflanzen fand sich zur Überraschung doch kein durchgehend gepflasterter Hof. "Vor dem Tag der offenen Tür im Juni war das echte Schufterei", blickt Schynol zurück. Denn bis dahin sollten Zuschauertribünen und Bühne stehen. Unter den Podesten, auf denen später die Stühle für die Zuschauer stehen sollen, musste jede Bodenwelle ausgeglichen werden, berichtet der Spielleiter, der zum Bauleiter wurde: "Im Preußen-Museum standen die Podeste innerhalb von zweieinhalb Stunden. Hier haben wir vier Tage für den Aufbau gebraucht."

Die Belastungsprobe haben Bühne und Tribüne bereits bestanden. Alle Sitzplätze besetzt, dazu noch stehende Zuschauer und auf der Bühne 18 tanzten 18 Squaredancer: "So sehr wird die Bühne von uns nie belastet", ist Schynol überzeugt.

Viel Kulisse brauchen wir für "Mutter Courage" nicht, meint der Spielleiter. Die Festungsmauern seien genau der richtige Hintergrund für Brechts Antikriegsstück. Die drei Treppenaufgänge und acht wieder freigelegten Türen böten ausreichend Auftrittsmöglichkeiten. So hat er bereits Zeit, die Requisiten anzufertigen. Da kommt gelegentlich der Zufall zu Hilfe: Reststücke der von Peter Medzech gestalteten Skulpturenreihe über dem Eingang "eignen sich wunderbar als Spitzen für die Hellebarden. Die sind stabil und machen viel Krach", erzählt Schynol. In seinem Garten entdeckte er einen tragbaren Grill wieder, "der hat jetzt genau die richtige Patina".

Auch drinnen ist bereits alles blitzblank. An Fenstern und Decken ist kein Spinnweben mehr zu entdecken, alle herumliegenden Steine und Latten sind weggeschafft. Techniker Rudi Brune hat eine Beleuchtung installiert. Die Schauspieler haben sich mit Kleiderständern, Tischen und Stühlen bereits ihre Garderoben eingerichtet.

Das alles will die Tucholsky-Bühne nicht alleine nutzen, sondern auch anderen Kulturschaffenden als Auftrittsort zur Verfügung stellen. "Hier muss niemand unbedingt unter freiem Himmel auftreten. Die Kammern bieten sich für intimere Veranstaltungen wie Lesungen oder Konzerte an", macht Schynol Werbung. Auch deren Publikum findet dann ein angenehmes Ambiente vor.

Mit Brechts "Mutter Courage" feiert die Tucholsky-Bühne am 7. August im Fort A (Festungsstr.) Premiere; Karten für diese und die folgenden 12 Aufführungen gibt es im Bücherwurm (Alte Kirchstr. 21) und bei express (Obermarktstr. 28-30).

links_transparent.gif (1721 Byte)