11.06.2007

Papierkram gehörte immer schon zum Militär
"Minden 1759": Historisches Biwak zeigt bunte Vielfalt des Soldatenlebens während des Siebenjährigen Krieges
 
Minden (mar). Eines hat Eva-Maria Jung im Fort C festgestellt: "Güterzüge sind nicht annähernd so laut wie quakende Frösche." Jedenfalls dann nicht, wenn man schlafen wolle.
 
Von Martin Steffen
 
Fotos: Steffen Doch ob Bahnbetrieb oder nachtaktive Festungsgraben-Fauna: Die Geschichtsdarsteller aus vier Ländern, die zwischen Donnerstag und Sonntag Tag und Nacht in der Festungsanlage kampierten, ließen sich davon nicht stören und zeigten am Wochenende facettenreich militärisch-ziviles Lagerleben des 18. Jahrhunderts. So, wie es sich auch zur Zeit der Schlacht bei Minden 1759 in der Region zugetragen haben dürfte.
 
 

Wieder und wieder mit der Muskete üben

Samstagvormittag haben Eva-Maria Jung und ihre Mitstreiterin Katharina Griesel sich in den Schatten geflüchtet und nähen. Beide stellen Marketenderinnen des französischen Regiments "Sarre" aus Lothringen dar - Frauen also, die für die Versorgung der Soldaten mit Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen zuständig waren. Auf eines legen sie dabei Wert: Trotz des ihnen anhängenden Rufs seien Marketenderinnen in ihrer Mehrzahl keine Prostituierten gewesen. Schließlich zogen zunächst Frauen oder Freundinnen der Soldaten, selbst der Nachwuchs, ganz regulär im Gefolge der Regimenter mit. Das galt noch 1759, als am Rande der Schlacht bei Minden bei der Frau des Chefmarketenders eines englischen Regiments unter dem Eindruck des Kampflärms plötzlich die Wehen einsetzten und sie einen gesunden Jungen zur Welt brachte.

"Pulteney´s Regiment", das 13. Infanterieregiment der Armee König Georgs II., gehörte nicht zu den britischen Verbänden, die an der Schlacht bei Minden teilnahmen. Doch was die Männer und Frauen von der Insel im Fort C zeigen, hätten britische und hannoversche "Rotröcke" auf der Minderheide vor 248 Jahren nur zu gut erkannt. Wieder und wieder üben Soldaten die Gewehrgriffe zum Umgang mit der Steinschloss-Muskete "Brown Bess", während ein Korporal laut vorzählt. Der komplizierte Drill und das Balancieren der Waffe lassen an Ballett und Showvorführungen denken, haben aber einen ernsten Hintergrund: Sie Soldaten auf allen Seiten sollten möglichst schnell und sicher schießen.
   
Unter lautem "Hussa!" richten die Männer die Gewehre auf einen unsichtbaren Gegner, während einige Schritte entfernt ein französischer Unteroffizier - der tatsächlich aus Mailand stammt - mit skeptischem Blick den Zustand des pieksauberen Lederzeugs dreier Pariser Gardesoldaten inspiziert
 
"Mann aus dem Empire" führt Regimentsbücher

Unterdessen sitzen "auf britischer Seite" Adrian Black und Sarah Juniper vor einem Zelt und vernähen Stoffstücke zu den im Alltagsdienst getragenen Zipfelmützen. Auch Sarah Juniper trägt Uniform - "es gab damals immer wieder Frauen, die sich aus den verschiedensten Gründen als Männer ausgaben und mit der Armee mitzogen." Zu den Gründen des von ihm verkörperten Soldaten gehören für Adrian Black auch materielle: "Die Armee zahlte acht Pence am Tag, auch wenn davon vier für Bekleidung und Verpflegung, ungefähr ein Pfund Brot und Käse am Tag abgezogen wurden."

Neben Black und Juniper sitzt ein Feldwebel auf einer Kiste: Phil Fenech ist seit 13 Jahren Geschichtsdarsteller und führt mit kratzender Feder Buch: "Papierkram gehörte immer schon zum Militär", grinst der Gartenbauhistoriker. Er stellt sich als "Mann aus dem Empire" vor: Er stammt aus der ehemaligen Mittelmeer-Kolonie Malta. Papierkram sei Sache der Unteroffiziere gewesen, "weil die bei König Georg lesen und schreiben können mussten".

Bürokratie bestimmt auch das Zelt des Kommandeurs, der sich aus dem Tagesdienst ansonsten sichtbar heraus hält. Oberst Pulteney trägt eine bequemere Weste und ist nur durch den Ringkragen, die üppige Perücke und den polierten Akzent als Offizier zu erkennen, als er einer Mindenerin einen Pass ausstellt, mit dem "Auguste" im Militärlager Papier, Federn und Tinte an Soldaten verkaufen darf.

Zu den eindrucksvollsten Requisiten im Zelt des Colonels, dargestellt von Nick Pennock gehören neben dem Mobiliar einschließlich des Nachttopfs mit Königsmonogramm zwei Fahnen. Das eine ist die Regimentsfahne. Das andere Feldzeichen ein "1719 von den Dreizehnern erbeutetes" spanisches Banner. Für ein Beutestück sehe es noch neu aus, räumt Pennock ein. "Vielleicht sollten ein, zwei Löcher rein und das Tuch in die Sonne gelegt werden", wägt er Alterungsmethoden ab. Detailversessenheit gehört zur Geschichtsdarstellung einfach dazu. Unabhängig vom Dienstgrad.