Elektrosmog
 

Drahtlos glücklich?

Elektromagnetische Felder können krank machen. Die Angst vor ihnen ebenso. Angesagt ist ein sinnvoller Umgang mit diesem Risiko: Belastungen verringern, Panik vermeiden. // Leo Frühschütz

Interview "Strahlung lässt sich abschirmen"

Als sich Professor Franz Adlkofer und seine Kollegen an die Arbeit machten, waren sie sicher, nichts zu finden. Doch es kam anders. Adlkofer koordinierte die von der EU finanzierte REFLEX-Studie, an der Wissenschaftler aus sieben Ländern beteiligt waren. Sie sollten untersuchen, ob elektromagnetische (EM) Felder krank machende Wirkungen auf menschliche Zellen haben. Dazu setzten die Wissenschaftler blutbildende Zellen einem elektromagnetischen Feld aus, wie es typisch ist für das Telefonieren mit einem Handy. Sie erwarteten kein sichtbares Ergebnis. Doch sie fanden vermehrt Schäden im Erbgut dieser Zellen. Professor Adlkofer kommentierte die Ergebnisse vorsichtig: „Beim jetzigen Stand der Forschung kann ich nur feststellen, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Exposition mit elektromagnetischen Feldern und der Entstehung von Erkrankungen zwar nicht bewiesen ist, aufgrund der REFLEX-Ergebnisse jedoch als wahrscheinlicher als bisher anzusehen ist.“

Erik Huber, der Referent für Umweltmedizin der Ärztekammer für Wien, ist da deutlicher: „Würden Medikamente dieselben Prüfergebnisse wie Handystrahlen liefern, müsste man sie sofort vom Markt nehmen.“ Seine Organisation hatte im Sommer mit Verweis auf die REFLEX-Studie „Leitlinien für mobiles Telefonieren“ veröffentlicht. Deren Tenor: Kinder unter 16 Jahren sollten überhaupt kein Handy benutzen, Erwachsene möglichst selten. Die Mobilfunkbetreiber sprachen daraufhin von „Panikmache“ und „Schauermärchen“. Wiens Ärztekammerpräsident Walter Dorner konterte: „Für uns Ärzte gilt auch in diesem Fall das Vorsorgeprinzip. Sollen wir weitere fünf oder zehn Jahre auf noch konkretere Studienergebnisse warten? Es ist unsere Pflicht, mögliche Gesundheitsgefährdungen dann aufzuzeigen, wenn sich die Hinweise darauf verdichten.“ Das sehen immer mehr Ärzte so. Seit Jahren steigt die Zahl der Mediziner, die strengere Grenzwerte fordern und den weiteren Ausbau des Mobilfunknetzes stoppen wollen.

Manche Hausärzte werden selbst zu Forschern, so wie Horst Eger und seine vier Kollegen im oberfränkischen Ort Naila. Sie hatten die Daten von knapp 1000 Patienten von 1994 bis 2004 ausgewertet. 1993 war in Naila eine Mobilfunkantenne in Betrieb gegangen. Bis 1999 ergab die Auswertung keine Effekte. Doch dann stieg im Umkreis von 400 Metern um die Sendeanlage die Zahl der Krebsfälle signifikant an. Sie war dreimal höher als in größerer Entfernung von der Strahlenquelle. Die fünf Ärzte werteten dies als ersten konkreten Hinweis auf einen örtlichen und zeitlichen Zusammenhang zwischen Handymast und Krebserkrankungen. Die Mobilfunkbetreiber bestritten dies und verwiesen auf methodische Schwächen der Studie.

Angst essen Seele auf

Der Streit der Wissenschaftler über schädliche Auswirkungen elektromagnetischer Felder zieht sich seit Jahren hin. Über 8.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen haben allein die Initiatoren der Datenbank www.emf-portal.de zusammengetragen. Das Fazit der Datenflut fällt je nach Standpunkt unterschiedlich aus. „Kein Problem“, sagen die Mobilfunkbetreiber. Vor großen Risiken warnen Bürgerinitiativen und Umweltmediziner. Derweil wächst der Absatz an Handys ungebrochen, 80 Prozent der Bundesbürger besitzen eines. Gleichzeitig sorgen sich in einer Infas-Umfrage für das Bundesamt für Strahlenschutz 30 Prozent der Befragten über die gesundheitlichen Folgen der Mobilfunkstrahlung, neun Prozent fühlten sich davon sogar gesundheitlich beeinträchtigt. Kopfschmerzen und Schlafstörungen waren die am häufigsten genannten Probleme.

Ob EM-Felder tatsächlich Beschwerden verursachen, lässt sich nicht immer klar feststellen. Es gibt viele Beispiele, in denen Krankheiten mit Inbetriebnahme einer Mobilfunkanlage in der Nachbarschaft begannen. Erst später erfuhren die Betroffenen von dem Sendemast und stellten den Zusammenhang her. Es gibt aber auch den Fall, den Professor Jiri Silny, Leiter des Forschungszentrums für Elektro-

Magnetische Umweltverträglichkeit der Universität Aachen, gerne erzählt: „Als eine Antenne auf dem Dach aufgestellt wurde, hatten Bewohner plötzlich Kopfschmerzen und konnten nicht schlafen. Aber da war die Antenne noch gar nicht angeschaltet.“ Für ihn belegt dies, dass die Angst vor Elektrosmog gefährlicher ist als der Elektrosmog selbst.

Auch wenn man dieser Theorie nicht zustimmt: Unbestritten ist, dass Angst Symptome wie Stress, Herzklopfen, Schlafstörungen oder Depressionen hervorrufen kann. Wer also auf den Sendemasten in der Nachbarschaft mit Panik reagiert, verstärkt womöglich dadurch dessen Wirkung. Doch was ist zu tun, wenn man den Verdacht hat, dass die Beschwerden, die einen plagen, mit Elektrosmog zu tun haben? Erst einmal beobachten und analysieren. Wann und wo sind die Symptome besonders stark oder besonders schwach? Sind bestimmte Räume, Arbeiten oder psychische Situationen damit verbunden? Bei der Ursachensuche bedenken, dass nicht nur Mobilfunkmasten und Handys Elektrosmog verursachen. Eine starke Strahlungsquelle ist das schnurlose Telefon, wenn es nach dem üblichen DECT-Standard arbeitet. Seine Basisstation sendet 24 Stunden am Tag. Dies tun auch die so genannten WLAN Access Points für Funkverbindungen ins Internet. Beide Geräte senden im selben Frequenzbereich wie Handys und verwenden ebenfalls die als biologisch besonders wirksam angesehene gepulste Strahlung.

Ständig unter Strom

Neben den hochfrequenten elektromagnetischen Wellen tragen auch die niederfrequenten elektrischen und magnetischen Felder des Wechselstroms zum Elektrosmog bei. Sie beeinflussen die Produktion des Schlafhormons Melatonin negativ, können zu Schlafstörungen und Depressionen führen oder das Immunsystem schwächen. Ein Problem sind auch die Felder von Starkstromleitungen in der Nachbarschaft. Einer aktuellen britischen Studie zufolge sind sie für ein Prozent aller Leukämiefälle bei Kindern verantwortlich. Strahlungsquellen im Haus sind Radiowecker, Babyfunk, Fernseh- und Computer-Bildschirme, Trafos in den Netzteilen von Notebooks oder CD-Spielern sowie die Drähte von Halogen-Beleuchtungen, die sich durch so manches Wohnzimmer ziehen. In all diesen Fällen lässt sich die Belastung verringern – oft mit einfachen Mitteln, ohne dass man das Gerät gleich zum Elektroschrott geben müsste. Gut so – denn auf so manche technische Bequemlichkeit verzichten wir doch nur ungern.

Strahlenwolken

Stellen Sie sich vor, Elektrosmog wäre sichtbar. Würde als lila-giftgrüner Nebel durchs Wohnzimmer wabern. Wäre dort am dicksten, wo die Strahlung am stärksten ist. In kürzester Zeit hätte die Elektroindustrie nur noch strahlungsarme Geräte auf dem Markt. Jedes Handy wäre mit einem Katalysator ausgestattet. So aber müssen die Menschen sich selbst um eine strahlungsarme Umwelt kümmern. Ein Engagement, das gesund hält.

Besonders sensibel

Menschen reagieren unterschiedlich auf EM-Felder. Bis zu zehn Prozent schätzen sich selbst als elektrosensibel ein. Der Grazer Professor Norbert Leitgeb geht aufgrund seiner Untersuchungen jedoch davon aus, dass nur zwei Prozent der Menschen auf elektrische und magnetische Felder überdurchschnittlich stark reagieren, etwa durch Schlaflosigkeit, Kopfweh und Konzentrationsstörungen.

Mehr Infos zu E-Smog

Bücher

Maes, Wolfgang:
Stress durch Strom und Strahlung.

Verlag: Institut für Baubiologie und Ökologie,
5. Auflage 2005,
800 Seiten, 25 Euro,
ISBN 3-923531-25-7

Katalyse e. V. (Hrsg.):
Das große Strahlen – Handy & Co.

Die neuen Gefahren des Elektrosmogs.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2002,
336 Seiten, 9,90 Euro
ISBN 3-462-03168-6

Adressen

Selbsthilfegruppe:
Arbeitskreis für Elektrosensible e. V.
Rabenhorst 74 a
45355 Essen
Tel 02 01 / 8 68 16 41
www.elektrosensible.de

Zusammenschluss von hunderten Initiativen gegen Mobilfunk:
Bürgerwelle e. V.
Lindenweg 10,
95643 Tirschenreuth
Tel 0 96 31 / 79 57 36
www.buergerwelle.de

Internet

www.emf-portal.de:
Literaturdatenbank mit vielen Grundlagen-Informationen.

www.izgmf.de:
Das Informationszentrum gegen Mobilfunk bietet gut aufbereitete kritische Nachrichten.

 

aus: Schrot und Korn Heft 12/2005
http://www.naturkost.de/schrotundkorn/2005/200512w1.html