Neue Westfälische, Nr. 125  

LOKALES

Dienstag, 1. Juni 1999

Ein Novum im deutschen Ausstellungswesen: Preußen kommt ins Museum, erst Wesel, jetzt Minden / Eröffnung am 14. Juni

Eine "Provinz" kommt jetzt ganz groß heraus

Als das früheste bauliche Zeugnis des preußischen Klassizismus gilt die Defensionskaserne - nur einen Steinwurf entfernt von der Kreisverwaltung mit ihrer repräsentativen Schmuckfassade. Das vollständig restaurierte Gebäude, das zuletzt als Kaserne von der britischen Rheinarmee genutzt wurde, verfügt über eine gesamte Ausstellungsfläche von rund 2.300 Quadratmetern.
Von Reinhard Günnewig (Texte) und Joern Spreen-Ledebur (Fotos)

Minden. 
Die lauten Arbeiten sind vorbei. Drinnen haben die leisen Gewerke Einzug gehalten. Vitrinen werden montiert und bestückt, Schlachtenformationen aufgebaut, historische Figuren erhalten ihre typische Bekleidung, Klassenzimmer und Wohnräume aus klassisch-preußischer Zeit werden möbliert. Noch haben die Kunsthandwerker und Museumsdidaktiker gut drei Wochen Zeit. Dann, am 14. Juni, schlägt die "Stunde Null" für Mindens ehrgeiziges Museumsprojekt: In der wuchtigen, aber architektonisch reizvollen Defensionskaserne am Rande der Fußgängerzone präsentiert sich dann - knapp ein Jahr nach der Einweihung der Dependance in Wesel - das Preußen Museum Nordrhein-Westfalen. "Eine Art Gesamtkunstwerk", wie Museumsleiter Dr. Veit Veltzke hofft. 

 

Westfalen und Preußen - oder besser: Preußen aus westfälischer Sicht, aus dem Blickwinkel der einstigen "Provinz" des zerklüfteten Staates - will sich das dann wohl bedeutendste Museum des Kreises Minden-Lübbecke annehmen. Über drei Jahrhunderte währten die westfälisch-preußischen Beziehungen, nachdem 1609/14 mit den Grafschaften Ravensberg und Mark westfälische Landesteile unter brandenburgisch-preußische Oberhoheit gekommen waren. 1815 dann, Ergebnis des Wiener Kongresses, wurde Westfalen eine der zehn Provinzen des Königreiches Preußen. Die Epoche bis zum Ende Preußens 1947 wird Schwerpunkt einer Dauerschau sein, die erst in den kommenden Jahren im 2. Obergeschoß des Museums eingerichtet werden soll. 
Immerhin drei Jahre dauerte die museumsgerechte Restaurierung der einstigen Truppenunterkunft in Sichtweite der Kreisverwaltung. Und noch länger währt die preußische Sammelleidenschaft. 
 


"Wir haben mehr, als wir zeigen können"
Aus Privatbeständen und mit Hilfe von Dauerleihgaben, bei Auktionen und aus dem Fundus des Geheimen Preußischen Staatsarchivs wurden Ausstellungsexponate zur preußisch-westfälischen Geschichte zusammengetragen. Gesamtwert:  gut fünf Millionen Mark. "Es ist erstaunlich, was wir alles bekommen haben, mehr als wir gegenwärtig zeigen können", freut sich Museumschef Veltzke. 
Zu den besonderen "Schnäppchen" zählt etwa ein Ölporträt Ferdinands von Braunschweig, Sieger der Schlacht bei Minden 1759, gemalt von Ziesenis. 120 000 Mark gingen dafür an einen Salzburger Kunsthändler. Unschätzbar der Wert zweier Reliquien der Heiligen Mauritius und Ludwig, Teilnehmer der mittelalterlichen Kreuzzugsbewegung. Daneben fand eine Fülle von Schaustücken zur preußischen Wirtschaft und Gesellschaft, Ökonomie, Gesellschaft, Militär, Kultur und vielen Einzelaspekten den Weg nach Minden. Sogar einen eigenen Vitrinentypus aus Stahlbeton mit Sandsteinböden und Rundbögen haben die Museumsmacher kreiert. 
 

Und was nicht hinter Glas muss, wurde zu Szenen arrangiert - als Wohnraum, Schulstube oder Soldatenleben. Hinzu kommen Informationstafeln und audiovisuelle Medien, die etwa per Computerspiel eine Kutschfahrt Friedrich des Großen simulieren oder Einblick geben in einen höfischen Salon oder bäuerlichen Alltag.

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Preußische Gestalten, Figuren und Uniformen ziehen in die gewölbeartigen Ausstellungsräume der früheren Truppenunterkunft ein

Mit Friedrich dem Großen auf Kutschfahrt 
Wandeln kann der Besucher durch gewölbeartige Gänge, die Anlass waren für das besondere museumspädagogische Konzept des Hauses. Eingerichtet wurden sogenannte Klischee- und Problematisierungsräume, die gängige Vorstellungen über Preußen aufgreifen. Ihnen liegen - direkt gegenüber - Vertiefungsräume, die mögliche Vorurteile korrigieren und genau Kenntnisse vermitteln von preußisch-westfälischer Zeitgeschichte. "So wollen wir einen individuellen und flexiblen Zugang zu Preußen erreichen", sagt Dr. Veltzke. 
Mit der Einweihung des Preußen Museums werden auch zwei Sonderausstellungen eröffnet - zur brandenburgisch-preußischen Geschichte des 17./18. Jahrhunderts und zu den mittelalterlichen Anfängen Preußens und Livlands. 

 

Das alles gibt es sogar an zwei Tagen kostenlos zu sehen. Am Wochenende 19./20. Juni lädt das Preußen Museum zu einem "Tag der offenen Tür" bei freiem Eintritt ein


KURZ GEFRAGT

Dr. Veit Veltzke


"Modellhafte Geschichte"

Dr. Veit Veltzke ist seit 1991 Chef des Preußen Museums in Wesel und übernimmt in Personalunion auch die Leitung in Minden. Mit ihm sprach NW-Redakteur Reinhard Günnewig. 
 

Was kann der historisch Interessierte über Preußen lernen, wie ordnet die Wissenschaft Preußens Rolle ein? 
An Preußen kann man modellhaft studieren, wie Staaten entstehen und warum sie untergehen. Preußen war nie ein Nationalstaat und an Bedingungen gebunden, die schließlich nicht mehr zeitgemäß waren. 

Welche Leistungen und Eigenschaften Preußens haben überdauert, sind positiv zu bewerten?

Was von Preußen zu lernen ist und beibehalten werden sollte, sind seine religiöse Toleranz, die Nüchternheit und die Rationalität und Effizienz der Verwaltung. Auf der anderen Seite steht Preußen für fast absolute Gehorsamspflicht und einen großen Militärapparat. Leistung, Unterordnung und Härte waren das Lebensgesetz Preußens und sind mit seiner Entstehungsgeschichte verbunden. Das Dienst- und Leistungsethos war der Schlüssel zur Bedeutung des Landes angesichts seiner geographischen Streulage.
Preußen hatte ja nur die Wahl zu wachsen oder unterzugehen.

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Dr. Veit Veltzke, 1956 geboren in Espelkamp, hat in Bochum Geschichte, Germanistik und Pädagogik studiert und mit einer Arbeit über "Wagnerkult und -Vereine im Kaiserreich", bei Prof. Hans Mommsen promoviert. Vor seiner Museumstätigkeit war Dr. Veit Veltzke zwei Jahre im Schuldienst in Herne tätig.

Welche besondere Rolle spielte die preußische Provinz Westfalen? 

Von Westfalen gingen wesentliche Impulse zur kommunalen Selbstverwaltung aus. Freiherr von und zum Stein, Präsident der Kriegs- und Domänenkammer Minden, und Freiherr von Hardenberg haben große Bedeutung für die Reform der preußischen Verwaltung gehabt. Die Bismarcksche Sozialpolitik hat ihren Vorläufer in den Unterstützungskassen für Handwerker in der Grafschaft Mark. Westfälische Liberale standen an der Spitze von Modernisierungsprozessen. Und Mindens Adel wurde vom preußischen König besonders geschätzt und in höchste Staatsämter berufen. Rüdiger von Ilgen etwa, in Petershagen geboren, war erster preußischer Außenminister. 
 

Welche Bedeutung haben die Preußen Museen in Minden und Wesel in der deutschen Museumslandschaft?

 
Beide Häuser sind einzigartig, nirgendwo anders gibt es bisher vergleichbare Einrichtungen. Vielleicht kommt eines Tages ein Preußen Museum in Sanssouci dazu. Aber bis dahin haben wir ein Monopol.


Eröffnung mit Reden, Musik und Theater


Blick in die Preußen-Ausstellung in Minden

 

Militärisches Preußen: stehendes Heer - laufende Kosten

 

Minden

Die Landesministerin für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Soziales, Ilse Brusis, und der frühere NRW-Städtebauminister Zöpel, einer der maßgeblichen Initiatoren und Förderer des Preußen Museums werden bei der Eröffnung am 14. Juni Ansprachen halten. Museumsleiter Dr. Veltzke wird eine Einführung in die Ausstellungen geben. Mit Hans-Peter Minetti in der Hauptrolle, wird das Schauspiel "Friedrich und Voltaire. Fast ein himmlisches Gespräch" aufgeführt. Das musikalische Programm bestreiten die Musikschule und das Blechbläserensemble Hora Decima.

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Kampf in den Straßen von Hochkirch - en miniature im Mindener Preußen Museum: In dem Ort in der Nähe von Bautzen besiegten die Österreicher unter Oberbefehlshaber Leopold Joseph Graf von Daun im Siebenjährigen Krieg im Jahr 1758 die Preußen.


Zahlen, Zeiten, Zuständigkeiten


1995 begannen die Arbeiten am Mindener Preußen-Museum. Die Baukosten einschließlich der Außenanlagen belaufen sich auf rund 20 Millionen Mark.

Träger des Museums ist die Stiftung Preußen-Museum Nordrhein-Westfalen. Mitglieder sind das Land, die Städte Minden und Wesel, die Kreise Minden-Lübbecke und Wesel sowie die beiden Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe. Derzeitiger Geschäftsfrührer ist Mindens Stadtdirektor Heinrich Sieling, sein Stellvertreter ist der Bürgermeister von Wesel.

Aus den Erträgen des Stiftungsvermögens und einem Landeszuschuss sollen die beiden Museen in Wesel und Minden finanziert werden. Die jährlichen Betriebskosten in Minden sollen sich auf rund 1,2 Millionen Mark belaufen. Erwartet werden jährlich etwa 40.000 Besucher.

Geöffnet ist das Haus am Simeonsplatz 12, zu dem auch ein Café und ein Museumsshop mit Büchern und anderen Publikationen und Souvenirs gehören, ab 16. Juni dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.

 

Eintritt Erwachsene 5,00 DM  
  Kinder 2,00 DM  
  Familien 10,00 DM  
  weitere Ermäßigungen  
Anschrift Preußen-Museum Nordrhein-Westfalen
  Simeonsplatz 12  
  32427 Minden  
Telefon 0571 - 83728 - 0 Verwaltung
  0571 - 83728 - 24 Kasse
Fax 0571 - 83728 - 30  

Aktuelle Preise und Zeiten finden Sie 
auf der Web-Seite des Preußenmuseum Minden - 
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