Donnerstag, 10. Juni 1999

Preußen in Westfalen - Rundgang durch die Vergangenheit:

Museum in Minden verfolgt die "Spuren" preußischer Geschichte

Minden. Nur noch wenige Tage, dann ist es soweit: Am 16. Juni eröffnet das neue Preußen-Museum in Minden. Interessierte dürfen sich hierbei auf interessante Einblicke in die Geschichte und Entwicklung Preußens freuen, die thematisch und räumlich bestens gegliedert auch Geschichtslaien auf unterhaltsam und verständliche Weise näher gebracht wird. Der Besucher wird unter dem Titel "Preußen, aber wo liegt es? Begriffe und Mythen" bei gängigen Ansichten und - Bildern zur preußischen Geschichte "abgeholt" und bereits mit überraschenden Tatsachen und Sachverhalten konfrontiert. So kann man sich nun, neugierig geworden, in den dazu passenden Vertiefungsraum auf der anderen Seite begeben oder in einem Rundgang erst die Nischenfolge und dann die Vertiefungsräume passieren. 

Den Anfang in "Preußen - aber wo liegt es?" bildet die Ausstellungseinheit "Wachstum oder Untergang. Preußen in Europa", die mit einer digitalen Karte über die Gebietsentwicklung Preußens und die Expansion übriger europäischer Mächte informiert im folgenden Problematisierungsraum "So schnell schießen die Preußen nicht!" wird eine Spießrutenlaufszene als Ausweis drakonischer Härte des altpreußischen Militärsystems in einer Figurengruppe dargestellt. 
Es folgt die Ausstellungseinheit "Jeder nach seiner Facon selig". Hier geht es bei den Themen Aufklärung und Toleranz um Positivklischees und seine Grenzen. Eine Audio-Station lässt hinter einer Sanssouci-Fassade mit geöffnetem Fenster Friedrich und Wohltäte im Gespräch erleben.

 

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Friedrich Ludwig Felix von Borcke, 
Generaladjutant Friedrichs des Großen.

 

 

Friedrich Wilhelm von Borcke, 
Minden-Klevischer Kammerpräsident und Minister im Generaldirektorium.

Der Bereich Verdammte Pflicht und Schuldigkeit: Die preußischen Tugenden' greift die Frage der sogenannten preußischen Sekundärtugenden auf, die für unterschiedliche, auch verwerfliche Zwecke einsetzbar seien. Die Ordensspange eines preußischen Beamten mit Auszeichnungen der Kaiserzeit und des dritten Reiches verweist auf eine Kontinuität des Gehorsams, während Teile des Nachlasses des Generals Fritz Lindemann, einer der maßgeblich Beteiligten am 20. Juli 1944, den Endpunkt eines preußischen Ungehorsams zeigen, der dort geboten war, wo es galt, Gott oder der eigenen Ehre mehr zu gehorchen, als anderen Autoritäten. 

Die letzte Raumnische der Abteilung "Preußen, aber wo liegt es?" zeigt unter dem Titel "Bücklinge und Federfuchser? - Der preußische Beamte", das heutige gängige Klischeevorstellungen wenig mit der altpreußischen Beamtenschaft zu tun haben, sondern eher von einem Bearmtenbild des 19. Jahrhunderts geprägt sind. Die weiteren Ausstellungsräume sind auf die westfälische Landesgeschichte bezogen. In "Starke Frauen - Reiche Mitgift, Brandenburgs Aufstieg" wird über die geschickte Heiratspolitik informiert, der Brandenburg bedeutende Gebietsgewinne verdankt. Bedeutendstes Stück dieser Abteilung ist ein Renaissance-Prunkharnisch mit Ätzmalerei, der Kurfürst Johann Georg von Brandenburg in (1525- 1598) zugeschrieben wird. In dessen Regierungszeit fällt die Eheschließung seines Enkels Johann Sigismund mit Anna von Preußen, die ihm ein reiches Erbe im Weste und Osten einbringen sollte. 
Die Erwerbung Mindens durch Brandenburg im Westfälischen Frieden 1648 thematisiert die anschließende Raumeinheit "Kurfürst und Stände. Neue Politik und geschlossene Gesellschaft". Der Große Kurfürst erwies sich in seiner Politik gegenüber den Ständen als Herrschaftspragmatiker, der ihren Einfluß zwar einschränkte, aber auf Ausgleich bedacht war. Eine Inszenierung mit einem Renaissance-Zahltisch des 17. Jahrhunderts, einer brandenburgischen Akzise Ordnung für die Stadt Minden aus dem Jahre 1685 und ein Hinterglasbild aus dem Mindener Ständehaus um 1700 verweist auf die Rechte der Mindener Landstände bei der Steuerverwaltung. 
Ein geschwärzter Kürisser-Harnisch des 30-jährigen Krieges auf einer prall mit Münzen gefüllten Kriegskasse stellt den Übergang zur nächstfolgenden Abteilung her: "Stehende Heere - Laufende Kosten: Die Entwicklung zum Absolutismus".
Im Zusammenhang der Darstellung von Verwüstungen des 30-jährigen Krieges im brandenburgischen Westfalen steht die Präsentation von zeitgenössischen Waffen, die zum Teil von Schloss Anholt stammen, dem Geburtsort des meist als Graf Anholt bezeichneten Johann Jakob Graf von Bronckhorst (1580-1630). 
In der Abteilung "Staat und Recht" wird die Überormung des preußischen Westfalen mit einer einheitlichen Verwaltung und Justizorganisation dargestellt. Preußen modernisierte und reglementierte seine westfälischen Gebiete. In "Religion und Bildung" werden die schulreformerischen Bemühungen des Staates und des Halleschen Pietismus hervorgehoben, seine Teilerfolge, etwa den Erlass eines General-Landschulreglements 1763 nach Mindener Vorbild und der weitgehende Entwicklungsstillstand im Bereich des Landschulwesens. 
Der Raum "Wirtschaft und Gesellschaft" informiert über die Sonderstellung des preußischen Westens in der merkantilistischen Staatswirtschaft. 
Eine Ausstellungseinheit mit den Büsten der Freiherrn vom Stein und von Vincke thematisiert das Westfalenbild des 18. Jahrhunderts und führt den Besucher in die Lebensverhältnisse unterschiedlicher Militärpersonen ein und zeigt Lasten und Stellenwert militärischer Bedürfnisse für die altpreußische Gesellschaft auf. Vier Großfigurinen in den Raumecken werden in ihren jeweiligen Dienstobligenheiten vorgestellt: ein Feldprediger, ein Kantonist (ein dienender Bauer), ein Offizier und ein Unteroffizier. Alle vier Figurinen sind mit Tonstationen versehen und es obliegt dem Besucher, sie zum Sprechen zu bringen. 
Der Rundgang durch den brandenburgisch-preußischen Teil der Ausstellung schließt mit der Abteilung "Militär und Krieg". Die Ausstellung gibt Auskunft über fremde Heere in Westfalen und Westfalen auf fremden Kriegsschauplätzen. Der Weg des Mindener Füsilierregimentes Nr. 41 in den Feldzügen des Siebenjährigen Krieges wird nachgezeichnet. Seine hohe Verlustrate war keine Ausnahme sondern die traurige Regel. Ein Teilbereich ist hier der Schlacht bei Minden (1759) gewidmet: dem Wendepunkt des Siebenjährigen Krieges in Westdeutschland, 
Nebenbei zeigt die Ausstellung, wie aus dem Beschenkten, dem Colonel Beckwith, der Preuße Beckwitz wurde, warum und seit wann der Name "Wilhelm" im preußischen Herrscherhaus geführt wird, warum Friedrich, noch bevor er der alte Fritz wurde, sein Tafeltuch verschenkte und vieles andere mehr...