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Aus der BlĂŒtezeit von Botzanowitz.
Von Hilfslehrer Paul Protsch, Botzanowitz.

Wer heut nach unserm Grenzdorf Botzanowitz kommt, der wird gar manche erfreuliche Feststellungen machen können. Schon von weitem leuchtet das kupferne Turmdach unserer neuen Kirche, deren 4 Glocken in ihrer „Salve Regina“ Stimmung schon jetzt mĂ€chtig ĂŒber das Botzanowitzer Land bis nach Polen hinein erschallen und die tiefglĂ€ubige Bevölkerung zum Gottesdienst rufen. Und es ist auch das Verdienst unseres hochw. Herrn Pfarrers Przibnich, daß wir jetzt jeden Sonntag unsere deutsche Singmesse, unsere deutsche Predigt und jede Woche unseren deutschen Schulgottesdienst haben. – Bald am Eingang des Dorfes fĂ€llt linker Hand sofort unsere Siedlung auf, deren schmucke HĂ€uschen in einem großen Viereck aufgestellt sind. Rechter Hand hat unser „Olgaheim“ eine neue Bepflanzung erfahren, sodaß es in einigen Jahr Ă€hnlich wie die der Wallgraben in der Rosenberger Promenade ein beliebter Erholungs- und VergnĂŒgungsort unserer fleißigen Bevölkerung sein wird. – Gehen wir weiter zur Grenze, so wird uns auch hier verschiedenes vielleicht unerklĂ€rlich sein. Wir werden uns wundern, daß an einem solch’ toten Grenzpunkte 2 große BeamtenhĂ€user und ein Wohlstand verratendes Gasthaus stehen. Frage: „Ja wieso...?“ – Antwort: „Ja es war einmal...!“ -

Ja, bis zum Beginn des großen Weltkrieges war Botzanowitz offene GrenzĂŒbergangstelle zwischen Deutschland und Russisch-Polen. Die Grenze war von frĂŒh 8 Uhr bis abends 6 Uhr im Winter und 7 Uhr im Sommer geöffnet. Der Grenzverkehr war ein Ă€ußerst reger. Zu uns herĂŒber kamen landwirtschaftliche Produkte, Holz und viele Raseneisenerze. Diese wurden in sogenannten Frischfeuern schon hier vorgeröstet. Mehrere solcher Ofen standen hier auf der russischen Seite, deren grasbewachsene SchlackenhĂŒgel heut noch zu sehen sind. So mancher Botzanowitzer Einwohner hat dort brennen helfen, ging frĂŒh zur Arbeit und kam abends zurĂŒck. SelbstverstĂ€ndlich mussten sie sich von unseren Beamten immer kontrollieren lassen „ob verbotener Einfuhr“. Das ging natĂŒrlich nicht ohne kitzelige Randbemerkungen ab. Ein Spaßvogel wollte einmal den gestrengen Herren „eins auswischen“! Er kam am Abend mit einem gefĂŒllten Sack an. „Halt, was haben Sie da im Sack, habe ich Dich endlich erwischt, kommen Sie mit auf die Amtsstube!“ Das heimische Lachen der Kumpels begleitete die Beiden. Dort angekommen, heißt es: „AusschĂŒtten!“ Der Mann schĂŒttete mit besonderer Wollust aus, möglichst weit ausgebreitet, drehte sich um und verschwand mit höhnischem LĂ€cheln. Keiner hinderte ihn daran. Was aber in der hohen Amtsstube auf der Erde lag, war bestimmt nicht steuerpflichtig, lauter „RoĂŸĂ€pfel“ und „Spinatkuchen“.-

Aber auch umgekehrte SpĂ€ĂŸe kamen vor. So hatten die russischen Frauen die Gewohnheit, bei EinkĂ€ufen in Rosenberg die verschiedenen Sachen im Grenzgasthaus zu lassen, um sie immer nur einzeln, gut verborgen, hinĂŒberzunehmen. So stand auch einmal eine Weckeruhr zum Abholen bereit. Ein russischer Offizier, der hier gut bekannt war, stellte nun den Wecker auf die Zeit, wo die Frau gewöhnlich ĂŒber die Grenze ging, und zog ihn auf. Die gute Frau holte auch den Wecker, verpackte ihn sorgfĂ€ltig in ihrer Kleidung und ging zur Kontrolle. Wer aber beschreibt ihren Schreck, als just im selben Moment die schrille Glocke unter ihren Röcken ertönt!? – Sie mußte ohne Wecker nach Hause gehen.

Die kleinen polnischen WĂ€gelchen mit dem erzhaltigen Gestein kamen in langen Reihen herĂŒber und fuhren, von niedlichen Ponys gezogen, bis auf den Rosenberger Bahnhof, wo dann die Steine verladen wurden. Die landwirtschaftlichen Produkte wurden meist von deutschen HĂ€ndlern drĂŒben aufgekauft und herĂŒber gebracht. –Von uns dagegen gingen viele Fertigfabrikate auf die andere Seite, so vor allem landwirtschaftliche Maschinen, Kohlen, Leinkuchen, Medikamente, SĂŒĂŸstoff, Bleistifte, zerlegte Uhren, Feuerzeuge u.a.m. Daß bei einem solch regen Durchgangsverkehr auch viel fĂŒr unsere Einwohnerschaft abfiel, war klar! Wer dahinter war, konnte viel verdienen. -

Das grĂ¶ĂŸte Leben und Treiben herrschte aber hier, wenn die Polen, MĂ€nner, Frauen und Kinder, zur Saisonarbeit in Mitteldeutschland herĂŒber kamen. Ehe die „MenschenhĂ€ndler“ die vielen Leute zum Transport fertig hatten, verging Zeit, in welche auch viel Geld hier hĂ€ngen blieb. Dasselbe wiederholte sich in noch grĂ¶ĂŸerem und reicherem Maßstabe, wenn die Menschenmassen mit ihrem ganzen Sommerverdienst wieder zurĂŒckkamen. Viel wertvolles Gut, welches die Leute nicht verzollen wollten, fand man da auch im MĂŒhlgraben, einem Nebenarm vor dem Grenzfluß Liswarthe. Der Umsatz zu solchen Zeiten im Grenzgasthaus war so enorm, daß das Geld nicht gezĂ€hlt, sondern scheffelweise gewogen wurde! -

Die Grenze wurde auf russischer Seite von russischem MilitĂ€r bewacht. Man konnte da alle russischen VölkerstĂ€mme unter den Rekruten sehen, vom stattlichen, hochgewachsenen Weißrussen bis zum schlitzĂ€ugigen, kleinen Mongolen. Sie mussten gewöhnlich 5 Jahr hier an der Grenze Dienst tun. Die Posten standen die Grenze entlang, so, daß einer den anderen sehen konnte, jeder 6 Stunden lang. Im Winter kauerten sie, in mĂ€chtige Pelze gehĂŒllt, auf der Erde, und ließen sich ruhig einschneien. Nur ein kleiner Teil des Gesichts schaute dann aus dem lebenden Schneehaufen spĂ€hend hervor.

Den Kontrolldienst versahen russische Zollbeamte. Zwischen den beiderseitigen Grenzbeamten und den russischen Offizieren bestand ein herzliches FreundschaftsverhÀltnis. Gegenseitige Besuche waren an der Tagesordnung. Im Schutze dieses guten VerhÀltnisses betrieben auch die russischen Offiziere einen schwunghaften Schwarzhandel, wobei wiederum viel Geld bei uns hÀngen blieb.

Und dies alles endete jĂ€h mit Beginn des Weltkrieges. 3 Tage vor der deutschen Mobilmachung war unsere Grenze vom russischen MilitĂ€r und den Beamten völlig verlassen. Vor ihrem Wegzug machten sie noch große Feuer und verbrannten alles, was sie in der Eile nicht mitnehmen wollten. -

Aber die Leute denken gern an diese BlĂŒtenzeit zurĂŒck, und erzĂ€hlen auch gern, inwieweit sie damals am großen Grenzverkehr „einnehmend“ beteiligt waren. Solche Hoffnungen tauchen auch heut wieder auf, Angesicht der Tatsache, daß die Polen eine neue Kunststraße bis an unsere GrenzbrĂŒcke bauen und auch diese schon abgerissen haben, um eine neue aufzustellen. Ein polnischer Grenzbeamter verriet uns auch, daß, wenn alles fertig ist, eine stĂ€ndige Autoverbindung von Czenstochau ĂŒber Botzanowitz nach Breslau fĂŒhren soll. Wenn diese Hoffnungen sich erfĂŒllen wĂŒrden, wĂ€re das fĂŒr unser Grenzdorf und nicht zuletzt auch fĂŒr Rosenberg von großer Bedeutung! –

(Heimatkalender des Kreises Rosenberg OS. 1935)